Handwerk Live Leistungsschau mit politischem Unterton

Aussteller ziehen gemischte Bilanz, Politik diskutiert Reformen und Schüler entdecken das Handwerk.

Vom 31. Januar bis zum 8. Februar ging es auf der Leipziger Messe handwerklich zu. Auf der „Handwerk Live“ zeigten Handwerker ihr Können und stellten ihre Erzeugnisse vor. Am Gemeinschaftsstand der Handwerkskammern aus Sachsen-Anhalt waren zehn Betriebe zu finden.

Erstmals präsentierte Stephanie Golz ihre personalisierten Kerzen. Die Wachszieherin fertigt Kerzen in allen möglichen Formen vor. Egal ob eine Sehenswürdigkeit, Tier oder einfach auch mal ein VW-Bulli – ihr Abbild sind filigrane handgefertigte Kerzen. „Die meisten Besucher fragen, wie ich die Kerzen anfertige“, sagt die Bernburgerin.

Am Gemeinschaftsstand zeigten sich Restaurator und Tischlermeister Peter Hohmann, auch aus Bernburg, und Fotografin Jana Conrad, die ihre Kunden gekonnt vor der Linse in Szene setzt. Das Fazit zur Messe fällt unterschiedlich je nach Aussteller aus. Einige konnten Kunden gewinnen, andere spürten beim Verbraucher – im Vergleich zu den vergangenen Messejahren – eine starke Kaufzurückhaltung.

Schnellere Entscheidungen

Weniger durchwachsen fiel das Fazit beim Handwerksforum Ost aus. Die Podiumsdiskussion auf der Handwerk Live thematisierte das Problem, das vielleicht niemand mehr hören möchte, das aber vielen Handwerksbetrieben unter den Nägeln brennt: Bürokratie. Einig sind sich beim Podiumsgespräch alle: Bürokratie muss abgebaut werden, so schnell wie möglich.

Wir haben das Gesetz verschlankt.

Sven Schulze, Ministerpräsident Sachsen-Anhalts

Sven Schulze, neuer Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, verwies auf das geänderte Tariftreue- und Vergabegesetz, das seit Ende des vergangenen Jahres gilt und das er noch als Wirtschaftsminister eingebracht hat. „Wir haben das Gesetz verschlankt. Wenn etwa bei einer Kita Baumaßnahmen für 50.000 Euro notwendig sind, kann künftig der Bürgermeister selbst bestimmen und auf einen Handwerksbetrieb zugehen“, so Sven Schulze. Und tatsächlich: Dank des neuen Gesetzes sind Direktaufträge bis 100.000 Euro möglich (vorher: bis 20.000 Euro), Bauleistungen können bis zu 2,5 Millionen Euro freihändig vergeben werden. Das Vergabeverfahren wurde insgesamt vereinfacht, schnellere Vergaben mit weniger Nachweisen sind möglich.

Auch Mario Suckert, Staatssekretär im Thüringer Wirtschaftsministerium, forderte Eile beim Bürokratieabbau: „Wir müssen endlich liefern“. Auch wenn er daran erinnerte, dass die Bürokratiebelastung zu 90 Prozent durch Bundes- oder EU-Regelungen zustande käme, präsentierte er eine Idee. „Bei Unternehmen fragen so viele Ämter Daten ab. Um das zu ändern, sollten Betriebe, die sich gründen, eine Identnummer erhalten. Ihre Daten werden auf einer Plattform gespeichert, auf die alle Behörden zugreifen können, so Mario Suckert. Auch Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, zählte einige schon umgesetzte Vorhaben auf, mahnte aber auch, dass der Bürokratieabbau nicht kopflos geschehen sollte. „Es bringt nichts, nur zehn Regeln abzuschaffen. Wir müssen nachweisen, was ein Betrieb an Kosten spart“, sagte die Bundesbeauftragte für den Mittelstand. Diesen Ansatz verfolge laut Gitta Connemann das Bundeswirtschaftsministerium, wenn es um Bürokratieabbau geht.

Der Sozialstaat ist ein Standortvorteil, aber wir haben uns übernommen.

Jörg Dittrich, ZDH-Präsident

Jörg Dittrich thematisierte beim Podiumsgespräch die hohen Sozialausgaben: „Der Sozialstaat ist ein Standortvorteil, aber wir haben uns übernommen“. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) kritisierte die Höhe der Sozialabgaben, die sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen auf rund 43 Prozent des Bruttolohns summieren und die Vielzahl an bestehenden Sozialleistungen – laut Jörg Dittrich über 500 einzelne Leistungsarten. Der Dachdeckermeister verglich die aktuelle Lage mit jener, als die Hartz-IV-Reformen eingeführt wurden: „Auch damals lagen die Sozialabgaben bei 43 Prozent.“ Jörg Dittrich mahnte zu dringenden Reformen des sozialen Sicherungssystems, das drohe unbezahlbar zu werden.

Schüler probieren sich aus

Die Handwerk Live geht seit vergangenem Jahr neue Wege. Schulklassen werden zur Berufsorientierung eingeladen. Die Handwerkskammer Halle bot einen Extrastand, an dem Schüler ihre manuelle Geschicklichkeit testen  oder eine Modellhaus aufbauen konnten. Dabei beantworteten Ausbildungsberater, der Schoolworker sowie Mitarbeiter der Projekte Jobvision, Bildungsketten und Digitales Zukunftszentrum Fragen zur handwerklichen Ausbildung. Auch Eltern nahmen die Messe zum Anlass, sich bei den Ausbildungsberatern der Handwerkskammer über Ausbildungsinhalte zu informieren.