Handwerk im Portrait „Bei uns ist niemand nur eine Hausnummer“

Betritt man die Goldschmiede von Yvonne Gottschalk, merkt man sofort: Hier liegt die Aufmerksamkeit ganz auf der Kundenzufriedenheit und auf dem Service.

Goldschmiedemeisterin Yvonne Gottschalk bearbeitet ein Ring mit einem Hammer, um ihn zu vergrößern.
HWK Halle/ Nicole Scheermann

Mit einem breiten Lächeln kommt Yvonne Gottschalk aus dem Nebenraum. Ihr Gesichtsausdruck wirkt, als könnte sie es gar nicht abwarten, das nächste Schmuckstück zu bearbeiten, und es ertönt ein selbstbewusstes: „Was kann ich heute für Sie tun?“

Vom Werkeln zur Berufung

Dieses Selbstbewusstsein ist auch berechtigt: Seit 21 Jahren schon führt sie ihre Goldschmiede am Waisenhausring 1 in Halle, fertigt dort individuelle Schmuckstücke aus edlen Metallen – von Trauringen über Freundschaftsringe bis hin zu Piercings. Zudem bietet Yvonne Gottschalk Neuanfertigungen, Schmuckaufarbeitung, Schmuckreparaturen, Umarbeitungen, Bild- und Schriftgravuren, Schmuckreinigungsarbeiten sowie Vergoldungs-, Versilberungs- und Rhodinierungsarbeiten an. Schon als Kind baut, schraubt und werkelt Yvonne Gottschalk gern. So ist später klar: Sie möchte einen Handwerksberuf erlernen. Sie bewirbt sich um Lehrstellen als Optikerin und als Edelmetallfacharbeiterin. Die Erfolgschancen sind gering, beide Berufe sind damals sehr gefragt. Am Ende werden ihr beide Lehrstellen angeboten. „Die Aussicht, Schmuck herstellen zu können, war faszinierend für mich, so wurde der Optiker abgewählt“, erinnert sich Yvonne Gottschalk.

HWK Halle/Nicole Scheermann

Der Weg zur Goldschmiedin

Ihre Ausbildung beginnt sie im Jahr 1988 in der Gold- und Silberschmiede in Köthen. Zwei Jahre soll sie dauern, doch es kommt anders. „Ich war fast fertig, dann kam die Wende. Damit mir meine Ausbildung anerkannt und ich einen Abschluss als Goldschmiedin erhalten konnte, musste ich noch einmal eineinhalb Jahre dranhängen“, erinnert sie sich. 1992 schließt Yvonne Gottschalk ihre Ausbildung erfolgreich ab und beginnt als Goldschmiedin in der „Schatulle Malva“, einem Schmuckgeschäft in Halle. Später arbeitet sie, ebenfalls in Halle, für den Juwelier Steinbach. Im April 2003 beginnt Yvonne Gottschalk ihre Meisterausbildung in Vollzeit und beendet sie im Januar 2004 erfolgreich. „An eine Selbstständigkeit war da noch nicht zu denken“, schaut sie zurück. Deshalb habe sie zuerst einmal in der Edelsteinschleiferei des Bitterfelder Edelsteinmuseums gearbeitet. Doch dann bietet sich eine passende Gelegenheit. Im August 2004 übernimmt Yvonne Gottschalk von Beate Lattermann eine alteingesessene Goldschmiede am Waisenhausring 1. Mit der Übernahme des Ladens von Uhrmachermeister Karl-Hans Bittner schafft sie sich im November 2008 an der Vogelweide in Halle sogar ein zweites Standbein.

Die Aussicht, Schmuck herstellen zu können, war faszinierend für mich.“ — Yvonne Gottschalk, Goldschmiedemeisterin

Heute beschäftigt Yvonne Gottschalk drei Mitarbeiter. Was ihr Handwerk ausmacht, ist unter anderem der enge Kontakt zu ihren Kunden. „Handwerksservice bekommt man nicht im Internet“, erklärt sie. Für die persönliche Beratung nehme sich die Goldschmiedemeisterin deswegen so viel Zeit, wie es brauche. Die Umgestaltung von alten Schmuckstücken liegt Yvonne Gottschalk besonders am Herzen: „Mir ist es lieber ein Schmuckstück umzubauen, als es einfach aufzukaufen. Dabei versuchen wir alles möglich zu machen, selbst wenn es manchmal eine Herausforderung ist.“ Häufig bekomme sie auch emotionale Aufträge, beispielsweise die Gestaltung von Witwenringen oder Ascheanhängern: „Gerade in solchen Fällen ist es wichtig, einfühlsam und respektvoll zu sein. Unsere Kunden vertrauen uns ihre wertvollsten Erinnerungsstücke an. Gerade deswegen ist bei uns niemand nur eine Hausnummer.“

HWK Halle/Nicole Scheermann

Engagement fürs Handwerk

Ihre Erfahrung bringt Yvonne Gottschalk bei der IHK ehrenamtlich als Beisitzerin in Verhandlungen der Wettbewerbszentrale Berlin ein sowie seit vielen Jahren als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für die Handwerkskammer Halle. „Mein Vorgänger war verstorben, deswegen habe ich mich damals berufen gefühlt, dieses Amt anzutreten“, erzählt sie. 2010 legt sie erfolgreich ihre Prüfung vor dem Zentralverband des Handwerks ab. Bis heute ist Yvonne Gottschalk als Sachverständige tätig – eine Bereicherung für die Handwerkskammer, denn Sachverständige werden immer gesucht. Doch nicht nur dort fehlen qualifizierte Fachkräfte. Das Goldschmiede Handwerk ist vom Aussterben bedroht. „Umso mehr hat es mich gefreut zu hören, dass der Beruf des Goldschmieds zum Immateriellen Kulturerbe erklärt wurde“, erzählt Yvonne Gottschalk.

Damit wird deutlich, was sie längst weiß, nämlich dass ihr Handwerk weit über das Alltägliche hinausreicht: Es ist ein Beitrag zur Bewahrung von Geschichte, Tradition und Erinnerung und zugleich eine Quelle der Freude für ihre Kunden – ein Vermächtnis, das Yvonne Gottschalk mit ihrem Team noch viele Jahre weitertragen wird.